Das JSAG probt während seiner Jubiläums-Woche in der Alten Kirche in Boswil.

JSAG: 20 Jahre «ungebrochener Entdeckergeist»

Das Jugend-Sinfonieorchester Aargau wird 20 Jahre alt. Sein Dirigent Hugo Bollschweiler spricht im Interview über die riesigen Möglichkeiten für Werk-Entdeckungen und mehr, wenn junge Menschen «mit und durch die Musik ganz sich selbst sein können».

Seit 20 Jahren treffen sich im Künstlerhaus Boswil zwei Mal pro Jahr – im Sommer und über Neujahr – rund 70 junge Menschen zu einer Probewoche und geben anschliessend drei bis vier Konzerte. Was banal klingt, ist seit 2005 eines der aufregendsten Orchesterprojekte der Schweiz und ein Labor, in welchem die Zukunft des Orchestermusizierens ausgelotet und das klassische Repertoire pionierhaft erweitert wird. Anlässlich des Jubiläums des Jugend-Sinfonieorchesters Aargau (JSAG) hat die SMZ-Redaktion mit dessen Leiter, dem Dirigenten und Bratschisten Hugo Bollschweiler, gesprochen.

Hugo Bollschweiler, wann und wie bist du zum JSAG gekommen?

Ich durfte 2013 die Leitung des JSAG übernehmen. Ein Traum ging in Erfüllung. Seit meiner Zeit im Schweizer Jugend-Sinfonieorchester war es immer ein Wunsch von mir gewesen, einmal mit Jugendlichen arbeiten zu können. Ich kann mir nichts Erfüllenderes, Spannenderes und Inspirierenderes vorstellen.

Warum bist du geblieben? Was ist anders mit dem JSAG?

Im JSAG ist unendlich viel Neugier, Offenheit und Hingabe spürbar. Hier kann ich Dinge ausprobieren, die an anderen Orten nicht denkbar wären: aussergewöhnliche Repertoire-Erweiterungen, konzeptionelle Freiheiten, neue Probeformen und nachhaltiger menschlicher Austausch.

Wie kann man sich «neue Probeformen» konkret vorstellen? Kannst du Beispiele nennen?

Als neue Probenformate bezeichne ich zum Beispiel Chaosproben, wo die Instrumentalistinnen und Instrumentalisten ihre Plätze nach Belieben tauschen und das Orchester auf einen Schlag eine komplett neue Topografie bekommt. Die ungewohnte Aufstellung ermöglicht uns, das Stück aus einer anderen, neuen Perspektive wahrzunehmen und die eigene Stimme in ihrer Funktion besser zu verstehen.

Ein anderes alternatives Probeformat sind Intervallproben, in welchen die Probe in 10- bis 20-minütige Segmente aufgeteilt wird und zwischen diesen Einheiten kurze musikphysiologische Inputs stattfinden. Dieser Rhythmus unterstützt die körperliche Regeneration, verhindert Verspannungen und hält gleichzeitig die mentale Aufnahmefähigkeit auf einem konstant hohen Niveau.

Weitere ergänzende Probeformat sind unter anderem Blattlesesessions, Kammermusikproben in sinfonischem Setup und gemischte, instrumentenübergreifende Registerproben.


Wie gehst du vor bei der Recherche nach neuen Stücken, vor allem wenn sie von fast vergessenen Komponist:innen stammen? Welche Tools nutzt du? Mit wem tauschst du dich aus?
Meine Recherche besteht aus einer Mischung von freier Suche, assoziativer Neugier und gezielter Nachfrage. Es gibt mittlerweile erfreulicherweise zahllose Quellen, die bei der Suche nach Repertoire abseits des Mainstreams hilfreich sind. Da sind zum Beispiel Verlage und Editionen, die sich auf Werke von Komponistinnen spezialisiert haben (z.B. Furore), spezifische Repertoiresammlungen auf YouTube und anderen Musikkanälen (Komponistinnen, vergessenes Repertoire, Raritäten), Filtersuchen auf Portalen grosser Verlage, innerhalb akademischer Archive und via universitärer Studien. Und natürlich gibt es auch den glücklichen Zufall, der, gekoppelt mit Geduld und Beharrlichkeit und persönlichen Kontakten zu wunderbaren Funden führt. So ist zum Beispiel die Schweizer Erstaufführung von Lilian Elkingtons verschollenem, 1921 komponierten Meisterwerk Out of the Mist von 1921 zustande gekommen.

Wer spielt im JSAG?

Die Altersspanne beträgt 16 bis 26 Jahre. Das Einzugsgebiet erstreckt sich über den Kanton Aargau hinaus bis in die Kantone Solothurn, Luzern, Zürich, Basel und Bern. Der Mitgliedermix ist insofern speziell, als dass sich hier angehende Berufsmusikerinnen und -musiker, begabte Musikschülerinnen und -schüler, junge Studierende aus nichtmusikalischen Bereichen und begeisterte Amateure zusammenfinden. Der Erfahrungsaustausch ist vor diesem farbigen Hintergrund besonders intensiv und wertvoll.

Würdest du das eben realisierte Projekt «Vogue» mit Werken von Cécile Chaminade (1857–1944), Eric Coates, Darius Milhaud, Maurice Ravel und anderen skizzieren? Wie seid ihr auf das Programmgekommen?

«Vogue» beschäftigt sich mit den Modeströmungen in der klassischen Musik zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Salonmusik, British Light, der kometenhafte Aufstieg des Saxofons, die musikalische Entdeckung Südamerikas bis hin zum Zusammenbruch von alten Formen, wie es Maurice Ravel mit dem Walzertod in seinem Jahrhundertschlager La Valse zelebriert. Die Idee zu Vogue kam mir bei der Beschäftigung mit Ravel, als mir schlagartig klar wurde, welche gesellschaftlichen und kulturellen Umwälzungen in der Zwischenkriegszeit stattgefunden haben und wie aufregend es wäre, die musikalischen Verschiebungen dieser Epoche in ein Programm zu packen.

Was war das Highlight der Tournée mit «Vogue» mit Konzerten in Boswil, Aarau, Bern und Zürich?

Es gab zu viele! Unsere Solistin Lisa Wyss hat ein wunderbar schnörkelloses Plädoyer für das Saxofon als klassisches Soloinstrument gehalten, Cécile Chaminades Ballettsuite Callirhoë wurde aus ihrem unverdienten Dornröschenschlaf geholt und die Kommunikation zwischen Publikum und Auftretenden war in jedem Konzert-Moment als emotionale Elektrizität spürbar.

Mein persönliches Highlight war die erneute Bestätigung, dass die klassische Musik auch ohne die grossen Schlachtrösser des Repertoires funktioniert und wir als Programmmacher die Neugier des Publikums viel zu oft sträflich unterschätzen.

Wie geht es im Sommer weiter? Was wünschst du dir für die Zukunft mit dem JSAG?

Im Sommer steht unser grosses Jubiläumsprojekt an: Wir gehen auf Tournée mit drei Gastkonzerten in Italien, einem Auftritt in Lindau am Bodensee und Heimspielen in Boswil und Aarau, im Gepäck Anton Bruckners gewaltige 7. Sinfonie, Giacomo Puccinis früher Geniestreich Capriccio Sinfonico und Doreen Carwithens fulminante Bishop Rock-Ouvertüre als Schweizer Erstaufführung.

Für die Zukunft mit dem JSAG wünsche ich mir diesen ungebrochenen Entdeckergeist, der in der wunderbaren Energie gründet, die im Künstlerhaus Boswil entsteht, wenn 70 junge Menschen in einem «safe space» mit und durch die Musik ganz sich selbst sein können.

Was wolltest du noch sagen?

Happy Birthday, Jugend-Sinfonieorchester Aargau. Danke für 20 Jahre Neugier, Humanität, Hoffnung, Solidarität und durchfeierte Nächte.

Auch wir vom EOV gratulieren dem JSAG herzlich zum 20-jährigen Bestehen und wünschen weiterhin sprühende Freude am gemeinsamen Musizieren!

www.kuenstlerhausboswil.ch/jugend/jsag

www.hugobollschweiler.ch

Dieses Interview wurde erstmals im Jahr 2025 auf den EOV-Seiten in der Schweizer Musikzeitung (SMZ) veröffentlicht.