Der abtretende EOV-Präsident Johannes Reinhard übergibt die EOV-Glocke an der DV 2026 in Rapperswil an seinen Nachfolger Stephan Matter.

Abtretender EOV-Präsident Johannes Reinhard: «Ich erlebe die EOV-Community als sehr treu»

Zusammen kommen sie auf 45 Amtsjahre: Gleich vier Vorstandsmitglieder – das heisst die Hälfte des EOV-Vorstands – haben sich an der DV 2026 in Rapperswil von ihrem Amt verabschiedet. Auch Präsident Johannes Reinhard gehört zu den Zurückgetretenen. Wir haben mit ihm auf seine 15-jährige Amtszeit zurückgeschaut.

Als 28-Jähriger war Johannes Reinhard im Jahr 2011 in den EOV-Vorstand gewählt worden – damals selbst noch Mitglied des Jugendsinfonieorchesters Arabesque in Thun übernahm er das Ressort «Jugendorchester». Schon zwei Jahre später wurde Johannes dann Präsident des EOV.
15 Jahre lang hat sich Johannes Reinhard unermüdlich für die Schweizer Amateur- und Jugendorchester eingesetzt und vor allem die Vernetzung mit anderen Amateur-Kulturverbänden entscheidend vorangetrieben. An der Delegiertenversammlung im Juni 2026 in Rapperswil ist er nun von seinem Amt zurückgetreten und hat die EOV-Glocke symbolisch an seinen Nachfolger Stephan Matter übergeben.
Während seiner 15-jährigen Amtszeit hat sich nicht nur Johannes selbst vom Studienabgänger und WG-Bewohner zum Familienvater, erfahrenen Berufsmann und europaweit integrierten Verbandsleiter entwickelt. Auch die Welt hat sich in dieser Zeit verändert. Wir haben mit Johannes über die Highlights und Herausforderungen seiner langen Amtszeit gesprochen.

Johannes Reinhard, nach ganzen 15 Jahren intensiver Arbeit für den EOV hast du das Verbandspräsidium an der Delegiertenversammlung 2026 abgegeben. Wie fühlst du dich jetzt – nach wenigen Tagen ohne dein EOV-Amt?
Nicht gross anders als vorher, die grosse «Leere», vor der manchmal nach solchen Rücktritten gewarnt wird, hat sich jedenfalls noch nicht eingestellt. Aber das kommt vielleicht etwas verzögert.

Auf welche Highlights blickst du zurück? Was hat der Verband unter deiner Leitung erreicht? Worauf bist du persönlich am meisten stolz?
Wir durften 2018 ein tolles 100-Jahre-Jubiläum feiern und boten unseren Mitgliedern mit dem grossen Orchesterfest in Aarau ein wunderbares Musikbouquet. Nicht weniger als 25 Orchester – das heisst jedes achte Orchester im Verband! – nahmen am Fest teil und traten mit ihrem Konzertprogramm auf. Das war sicher ein Highlight meiner Amtszeit.
Dazu gelang es 2012 und 2018, mit eigenen EOV-Projektorchestern an die europäischen Orchesterfestivals nach Tallinn (Estland, 2012) resp. nach Bergen (Norwegen, 2018) zu reisen. 2022 organisierte der EOV anlässlich des EOFed-Festivals in Plovdiv eine wunderbare Kulturreise durch Bulgarien inkl. Festivalteilnahme. Und auch 2025, beim Festival in Avignon, war der EOV mit drei ganzen Orchestern und einer Gruppe aus Individualteilnehmenden sehr präsent und stellte am meisten Musikerinnen und Musiker aller Länder am Festival.
Stolz bin ich darauf, wie der EOV sich 2012 im Abstimmungskampf um den Verfassungsartikel 67a zur musikalischen Bildung engagiert hat. Rund 60 Prozent aller EOV-Mitgliedsorchester spendeten zum Jahresbeitrag 2012 noch einen Fünfliber pro Kopf, so dass der EOV dem Abstimmungskomitee insgesamt 17'000 Franken für den Abstimmungskampf überweisen konnte! Die Volksabstimmung konnte mit überwältigenden 72.7 Prozent Ja-Stimmen gewonnen werden. An diesem grossen Erfolg war der EOV massgeblich beteiligt. In den folgenden Jahren war der EOV stark involviert in den Aufbau des Programms Jugend+Musik.
Erfreulich finde ich zudem, dass wir trotz allgemein in der Tendenz schrumpfender Zahlen in der Amateurmusik unseren Mitgliederbestand über die Jahre äusserst stabil halten konnten und selbst die «Corona-Delle» wieder ausgeglichen haben. 
Ich erlebe die EOV-Community als sehr treu. Leute, die wir von unseren Aktivitäten überzeugt haben, sehen wir immer wieder. An DVs, an den europäischen Orchesterfestivals, an aussergewöhnlichen Treffen. Das macht mich stolz.

Welches waren die grössten Herausforderungen während deinen 15 Jahren im EOV-Vorstand?
Die Schweizer Musikzeitung – bis Ende 2025 das offizielle Publikationsorgan des EOV – beschäftigte uns in meiner Amtszeit immer wieder. Zuerst musste der Verein aufgrund sinkender Inserate-Einnahmen aufgeben, dann wechselten die Verleger/Herausgeber der Zeitung alle paar Jahre und der Erscheinungsrhythmus wurde immer mehr ausgedünnt, so dass der EOV sich schlussendlich gezwungen sah, das Publikationsorgan zu wechseln.
Eine dauerhafte Herausforderung bleibt die EOV-Notenbibliothek. Es ist ein qualitativ hochstehendes und auf unsere Orchester zugeschnittenes Angebot, davon bin ich nach wie vor überzeugt. Doch trotz einiger Bemühungen, die Nutzung nach der Pandemie wieder anzukurbeln, nehmen die Ausleihen ab. Hier geht es sicher auch darum, einen Weg in die digitale Zukunft zu finden.

Was hat sich in dieser Zeit bei den Mitgliedsorchestern sowie in der Schweizer Kulturlandschaft verändert? Welche grossen Entwicklungen kannst bzw. konntest du konkret beobachten?
Die Megatrends der Gesellschaft, insbesondere die Digitalisierung, verändern auch die Amateurorchesterszene. Mit den heute allgegenwärtigen Sozialen Medien ist alles sehr viel schnelllebiger geworden. Manche unserer Orchester nutzen die Sozialen Medien effektiv und lustig, um sich darzustellen und zu werben. Das gab es vor 15 Jahren noch kaum. Weiter spielen immer mehr Orchestermusikerinnen und -musiker von iPads statt von konventionellen Papier-Noten. Auch bei der Verbandskommunikation des EOV war ja jetzt der Wechsel vom gedruckten zum digitalen Format fällig.
Was sich sicher auch verändert hat, ist der Probemodus: Früher war es Standard, dass die Orchester einmal wöchentlich proben und dann zwei Mal jährlich Konzerte geben. Das wird von einigen Orchestern zwar immer noch so gemacht, doch heute wird vermehrt auf Projektformate gesetzt, nach dem Motto «kurz, aber intensiv». 
Auch die Delegiertenversammlungen haben sich gewandelt. Früher waren es Veranstaltungen, teilweise zweitägige, an denen der EOV noch die sogenannten «Orchesterwerkstätten» anbot. Wir haben dann aber gemerkt, dass unsere Mitglieder nicht unbedingt das Bedürfnis haben, an der DV auch noch Musik zu machen. Seit einigen Jahren nutzen wir die Delegiertenversammlungen für Weiterbildungen rund um das Orchester-Management – und haben damit einigen Erfolg.

Ein Vorstandsamt ist zeitintensiv, insbesondere das Präsidium. Wie wirst du die neugewonnene Zeit nutzen?
Ich hoffe, wieder vermehrt selbst Musik machen zu können. Das kam in letzter Zeit definitiv zu kurz. Auch in die Berge gehe ich gerne wieder etwas öfter. Und dann finden einen solche Ämtli ja von selbst immer wieder. Mal schauen, wohin es mich diesbezüglich verschlägt. 

Was wünschst du dem EOV für die Zukunft? Wo muss der Verband deiner Ansicht nach dranbleiben und wo kann er etwas erreichen? Welchen Rat gibst du deinem Nachfolger Stephan Matter mit auf den Weg?
Ich wünsche dem EOV, dass er sich mutig und agil den Herausforderungen der Gegenwart stellt. Unsere stabilen Mitgliederzahlen zeigen, dass der Verband grundsätzlich gut unterwegs ist.
Wichtig erscheint mir für die Zukunft, dass es den Amateur-Kulturverbänden gelingt, gemeinsame Positionen zu erarbeiten und diese in der Politik und der Öffentlichkeit lautstark zu vertreten. Wir sind viele! Da kommt eine geballte Kraft zusammen.
Meinem Nachfolger Stephan Matter konkrete Ratschläge auf den Weg zu geben, möchte ich mir nicht anmassen. Er kennt unsere Community sehr gut aus diversen Orchestern vom Selberspielen, von Netzwerktreffen und aufgrund seiner Gabe zu beobachten. Ich freue mich auf die neuen Impulse, die der Verband unter seiner Führung erhalten wird.

Vielen Dank, lieber Johannes, für diese interessanten Antworten. Vor allem aber danken wir dir von Herzen für dein riesiges Engagement und die Leidenschaft, mit welcher du den EOV über all die Jahre geführt hast. Für deine Zukunft – musikalisch, privat und beruflich – wünschen wir dir viel Glück und nur das Allerbeste! Wir hoffen, dass sich unsere Wege wieder kreuzen. Als neues Ehrenmitglied bleibst du dem EOV ja hoffentlich noch etwas erhalten.

Auch Bernadette Wiederkehr (nach 15 Amtsjahren, Vizepräsidentin und Co-Organisatorin DV), Miriam Schild (nach 11 Jahren, Kommunikationsverantwortliche und Verbandsredaktorin SMZ, die hier Schreibende) und Lena Ruoss (nach vier Jahren, Verbandsjuristin und Co-Organisatorin DV) traten an der DV 2026 von ihren Ämtern zurück. Johannes Reinhard würdigte alle drei weiteren Zurückgetretenen mit einer persönlichen Laudatio für ihr jahrelanges Wirken für den Verband.

Allen vier abtretenden Vorstandsmitgliedern wurde schliesslich mit liebevoll ausgesuchten Geschenken – u.a. einem EOV-Schneidebrettchen aus Schweizer Holz – für ihren grossen Einsatz für den EOV verdankt. Johannes Reinhard, Bernadette Wiederkehr und Miriam Schild wurden zusätzlich zu EOV-Ehrenmitgliedern ernannt.